Herr Hauri und der Lärm

Jeder, der richtig hinschaut, kann es deutlich erkennen. Seit Jahren nimmt der Schwerlastverkehr in der Bergstraße in Bötzingen stetig zu. Der Grund besteht unter anderem darin, dass in den Industrieanlagen im Steinbruch am Fohberg immer mehr Fremdmaterial zur Verarbeitung angeliefert wird. Das deutlich erhöhte Verkehrsaufkommen ist für die Bergstraßen-Anwohner nicht nur während der Betriebszeiten der Anlagen im Steinbruch eine unerhörte Belastung. Nein, die Lastzüge steuern den Steinbruch inzwischen vermehrt auch außerhalb der Öffnungszeiten an. In Schreiben an die Betreiber hat eine Anwohnerin mehrfach auf diesen Sachverhalt hingewiesen und um Beachtung der Betriebszeiten gebeten, in äußerst höflichem Ton. Das letzte Antwortschreiben ist nach unserem Eindruck nicht mehr als eine Ansammlung von fadenscheinigen Ausreden, mit denen das Grundproblem übertüncht werden soll…

 

K(l)eine Ausnahmen

Wie ein Bötzinger Unternehmer gegen den Lärm kämpft. Oder nicht.

Es ist kompliziert. An Sonn- und Feiertagen soll die Arbeit ruhen. Doch da sind die Franzosen. Die sind katholisch, die Schweizer vielleicht auch. Jedenfalls haben beide, schreibt Herr Hauri, „an Fronleichnam voll gearbeitet“. An einem Feiertag. Das ist ein Problem. Für uns. Für Herrn Hauri.

Herr Hauri kann die Sonntagsarbeit nicht verhindern. Dabei ist er ein Mann, der Berge versetzen kann, eigentlich. Die Endhahle zum Beispiel. Herr Hauri besitzt ein Mineralstoffwerk in Bötzingen, das seinen Namen trägt. Sein Abbruchunternehmen kann sich aber nicht immer an die eigenen Öffnungszeiten halten, erklärt uns Herr Hauri. „Die Kunden“, klagt er, „bestanden auf einer Belieferung“. Die Franzosen. Die Schweizer. Die Kunden.

Doch damit nicht genug. Es gibt noch höhere Mächte. „Die Bundesregierung“, verrät Herr Hauri, hat „das Fahrverbot für Lkw über 7,5 [sic!] für Sonn- und Feiertagen [sic!] aufgehoben“. Dadurch ist Herr Hauri auch noch rechtlos, denn er hat „kein Rechtsanspruch [sic!], Lkw Fahrten an Sonn- und Feiertagen zu untersagen“.

Es ist kompliziert. Die Anwohner der Bergstraße sind genervt. Es geht um Ruhe, Lebensqualität und Nächstenliebe. Für Herrn Hauri geht es um noch viel mehr. „Der Druck auf uns wächst“, bekennt er. Die „Silo Züge“ müssen rollen. Von früh bis spät, montags bis freitags, vor sechs Uhr morgens und nach 18 Uhr abends, sonnabends

und auch mal am Sonntag. Es geht nicht anders. Die Franzosen, die Schweizer, die Kunden, die Bundesregierung. Jetzt noch die Mühle, schreibt Herr Hauri, die musste dringend „generalüberholt“ werden, weshalb die Lkw wieder einmal am Samstag durch die Bergstraße ratterten. Gleichwohl versichert Herr Hauri, er bleibe „bemüht, die Anfahrten außerhalb der Öffnungszeiten gering zuhalten [sic!]“.

Dann kam die Baustelle an der Bahntrasse. Ein Auftrag von höchster Daseinsvorsorge. Für uns. Für alle. Für Herrn Hauri. Tag und Nacht wird dort geschafft, auch samstags, und Herr Hauri musste die Lkw auch dann beladen, obwohl das Werk samstags gar nicht geöffnet hat.

Herr Hauri fragt sich nun, ob die zwei Spediteure, die ihm „persönlich als recht zuverlässig bekannt sind“, wirklich „die Geschwindigkeit und Fahrweise den geräuschreduzierten Regeln entsprechend eingehalten“ haben. Möglicherweise nicht. Denn mit den Arbeitskräften in den Fahrerkabinen, die Herr Hauri eine „Bevölkerungsgruppe“ nennt, sei es „wie in den Kaiserstühler Reben“: „Ein guter Teil der Arbeit wird von osteuropäischen Mitarbeitern durchgeführt“. Und die wollen arbeiten, schreibt Herr Hauri, „so viel wie möglich“. Auch am Samstag, auch am Sonntag.

Es ist kompliziert. Die Franzosen, die Schweizer, die Kunden, die Bundesregierung, die Mühle, die Baustelle, die Bevölkerungsgruppe. Und wie, fragt sich Herr Hauri, soll er den Spediteuren erklären, dass die Bötzinger Supermärkte „auch am Samstag erst um 22 Uhr schließen“, sein Werk aber „immer noch komplett geschlossen“ ist.

Der Fortschritt ist eine Schnecke. Schon vor Monaten erreichten Herrn Hauri die ersten Beschwerden von Anwohnern der Bergstraße. Seine Geschäftigkeit an den Wochenenden war ihnen zu geräuschvoll. Herr Hauri hoffte auf ruhigere Zeiten. Doch da waren die Franzosen, die Schweizer, die Bundesregierung, die Kunden, die Mühle, die Baustelle, die Bevölkerungsgruppe, die Supermärkte.

Es ist kompliziert. Die Wochen vergehen, der Lärm bleibt. Doch nun, so versichert uns Herr Hauri, fahren seine Hausspediteure „seit ca. einer Woche ausnahmslos die Umfahrung“. Aber da sind noch die anderen, die Herr Hauri als „Subunternehmer“ identifiziert, und die fahren „nicht den notwendigen Umweg“, sondern nehmen „die strikt verbotene Strecke durch die Bergstrasse“.

Die Franzosen, die Schweizer, die Bundesregierung, die Kunden, die Mühle, die Baustelle, die Bevölkerungsgruppe, die Supermärkte, die Subunternehmer. Was soll Herr Hauri tun, damit es leiser wird in der Bergstraße?

Herr Hauri hat einen Entschluss gefasst. Er will nun „versuchen dazu beizutragen die Situation zu verbessern“. Dafür hat er zunächst eine „Firma im Asphaltbereich motiviert und gebeten“, zur Reparatur der vielbefahrenen Straße „ein erstklassiges Ergebnis in Punkto Gleichmäßigkeit der Asphaltdeckschicht abzugeben“. Eine Asphaltdecke übrigens, die Herr Hauri mit seinen Lastern sogar befahren darf, wenn sie für alle anderen gesperrt ist, weil sie noch ganz frisch ist. Und Herr Hauri verrät uns, dass „die Gemeinde Bötzingen zusätzlich auch noch die Zusatzkosten akzeptiert hat, damit lärmreduzierende Schachtdeckel eingebaut werden können.“

Herr Hauri hat auch eine Mail geschrieben. Darin hat er die „Speditionen angewiesen“ an Sonn- und Feiertagen „und außerhalb unseren [sic!] Öffnungszeiten uns nicht anzufahren“. Er will auch „versuchen die Ausnahmen so klein wie möglich zu halten.“

So viele Sonntage, so viel Arbeit. Die Franzosen, die Schweizer, die Bundesregierung, die Kunden, die Mühle, die Baustelle, die Bevölkerungsgruppe, die Supermärkte, die Subunternehmer. Schwere Zeiten für Herrn Hauri. Schwere Zeiten für die Anwohner der Bergstraße. Es ist kompliziert.